Call for Papers: Rechtssoziologisches Buchforum
Rechtssoziologisches Buchforum – Alfons Bora „Responsive Rechtssoziologie“ (2023) und Rüdiger Lautmann „Die Idee des Sozialen im Denken des Rechts“ (2025)
Mit Alfons Boras „Responsive Rechtssoziologie. Theoriegeschichte in systematischer Absicht“ (2023) und Rüdiger Lautmanns „Die Idee des Sozialen im Denken des Rechts. Ein Jahrhundert streitiger Diskurse“ (2025) liegen zwei Bücher vor, die auf unterschiedliche Weise nach dem Verhältnis von Recht und Sozialem und damit nach Gegenstand, Stellung und Möglichkeit der Rechtssoziologie fragen. Bora entwirft eine theoriegeschichtlich fundierte „responsive Rechtssoziologie“ und rückt dabei insbesondere die Schwäche der Rechtssoziologie, die Semantik der Interdisziplinarität, asymmetrische und symmetrische Modelle der Reflexion sowie die Potenziale einer responsiven Neuorientierung in den Mittelpunkt. Lautmann rekonstruiert demgegenüber die konflikthafte Geschichte der Nachbarschaft von Rechts- und Sozialwissenschaften als Diskursgeschichte des Sozialen im juristischen Denken. Sein Zugriff führt von den Anfängen im späten 19. Jahrhundert über Freirechtsbewegung, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Bundesrepublik bis in den fortlaufenden Methodendiskurs der Gegenwart. Beide Bücher lenken den Blick damit nicht nur auf die Selbstbeschreibung des Rechts und die disziplinäre Verortung der Rechtssoziologie, sondern auch auf die Stellung des Rechts in der Gesellschaft: auf seine Einbettung in soziale Ordnung und Konflikte, auf seine gesellschaftlichen Adressen und auf die Frage, wie Recht jenseits seiner professionellen Bearbeitung von Laien wahrgenommen, angeeignet, in Anspruch genommen oder zurückgewiesen wird.
Das Buchforum der Zeitschrift für Rechtssoziologie nimmt diese beiden Werke zum Anlass einer Diskussion, die von den Büchern ausgeht und an ihnen grundlegende Fragen der Rechtssoziologie adressiert. Hubert Rottleuthners Beitrag in Heft 1/26 der ZfRSoz gibt den Anstoß hierfür, beide Werke miteinander zu diskutieren. Gesucht werden Beiträge, die die Argumentation, die Begriffe und die disziplinären Einsätze der beiden Monographien ernst nehmen und gerade dadurch über die Einzelbesprechung hinausweisen. Die Bücher sollen also weder nur Anlass einer allgemeinen Fachdiskussion noch bloß Gegenstand einer referierenden Würdigung sein. Sie bilden vielmehr den Ankerpunkt für die Frage, welche Probleme, Spannungen und Entwicklungsperspektiven der Rechtssoziologie sich an ihnen exemplarisch zeigen. Gerade darin liegt auch die Chance, den Ort der Rechtssoziologie genauer zu bestimmen: als Beobachtung des Rechts in seinen sozialen Wirkungen, als Analyse gesellschaftlicher Erwartungen an Recht und als Reflexion auf Reichweite und Grenzen rechtlicher Steuerungs- und Ordnungsansprüche.
Von Interesse sind Beiträge, die eines oder beide Bücher in ihren theoretischen Prämissen, begrifflichen Entscheidungen und disziplinären Interventionen untersuchen. Bei Bora könnte es darum gehen, wie der Entwurf einer responsiven Rechtssoziologie die überlieferte Asymmetrie zwischen Jurisprudenz und Soziologie diagnostiziert, welche Rolle Interdisziplinarität und Reflexionstheorie in diesem Zusammenhang spielen und worin die Möglichkeit einer symmetrisch gedachten Verhältnisbestimmung liegt. Bei Lautmann rücken demgegenüber die historischen Formen in den Blick, in denen die gesellschaftliche Dimension des Rechts im juristischen Denken auftaucht, zurückgedrängt wird oder neue Geltung beansprucht, ebenso wie die Frage, wie sich der juristische Normativismus, seine Barrieren und mögliche Wege seiner Öffnung beschreiben lassen.
Erwünscht sind insbesondere Beiträge, die die beiden Bücher als spezifische rechtssoziologische Interventionen lesen und aus dieser Lektüre weiterführende Fragen entwickeln: Welches Verständnis des Verhältnisses von Recht und Sozialem wird jeweils entworfen? Wie bestimmen die Bücher die Stellung der Rechtssoziologie zwischen Soziologie, Jurisprudenz, Dogmatik und Rechtstheorie? Welche Rolle spielen Interdisziplinarität, Reflexivität, Normativität, Empirie und Begriffsgeschichte? Und was folgt aus den jeweiligen Diagnosen für Methoden, Erkenntnisansprüche und theoretische Orientierung rechtssoziologischer Forschung heute? Von besonderem Interesse sind zudem Beiträge, die von der Lektüre der beiden Bücher aus Anschlussmöglichkeiten an Debatten über Deutschland und den deutschsprachigen Raum hinaus entwickeln und fragen, wie sich die hier verhandelten Probleme mit internationalen Diskussionen der Rechtssoziologie und der socio-legal studies verknüpfen lassen.
Willkommen sind daher Beiträge, die die Reichweite und die Grenzen der beiden Vorschläge prüfen: vergleichende Lektüren, immanente Kritiken, systematische Einordnungen oder weiterführende Interventionen. Auch Beiträge, die die Differenz der beiden Bücher produktiv machen, sind ausdrücklich erwünscht – etwa indem sie fragen, ob Boras Konzept responsiver Rechtssoziologie auf Probleme antwortet, die Lautmann diskursgeschichtlich rekonstruiert, oder ob beide Werke unterschiedliche Ebenen desselben Grundproblems sichtbar machen.
Das Buchforum versteht sich damit nicht als allgemeine Debatte über die Rechtssoziologie unter losem Verweis auf zwei Neuerscheinungen. Vielmehr sollen an den Büchern – an ihren Fragestellungen, Rekonstruktionen, Begriffen und systematischen Ansprüchen – grundlegende Fragen der Rechtssoziologie sichtbar und diskutierbar werden. Dazu gehören nicht zuletzt die Fragen, wie die Stellung des Rechts in der Gesellschaft und die Stellung der Rechtssoziologie zwischen Recht, Soziologie, Gesellschaft und Öffentlichkeit heute zu bestimmen sind und wie sich eine an Recht und Gesellschaft orientierte Forschung so positionieren kann, dass sie die deutschsprachigen Konstellationen präzise erfasst und zugleich für Debatten jenseits dieses Kontextes anschlussfähig bleibt.
Erbeten sind Beiträge, die die beiden Werke zum Ausgangspunkt einer klar konturierten, argumentativen Stellungnahme machen.
Beiträge können direkt unter https://submissions.zfrsoz.info/index.php/zfrsoz/about/submissions in der Rubrik „Buchforum“ bis zum 30. September 2026 eingereicht werden. Als Ansprechpartner fungiert Dr. Henning de Vries.
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
hreiter (11. Mai 2026). Call for Papers: Rechtssoziologisches Buchforum. Zeitschrift für Rechtssoziologie. Abgerufen am 22. Juli 2026 von https://zfrsoz.hypotheses.org/471
